Die Lücke im Bekenntnis


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13.09.2020

Die Lücke im Bekenntnis
Predigt am 13. September – 14. Sonntag nach Trinitatis

Am heutigen Sonntag wollte der gemeindliche Männertreff den Gottesdienst gestalten. Zum apostolischen Glaubensbekenntnis wollten ein paar Gedanken vortragen. Wegen der Schließung aller gemeindlichen Häuser konnten wir uns vier Monate lang nicht treffen. Danach war die Zeit zu kurz, um gemeinsam noch etwas vorzubereiten. So greife ich nun allein unser Thema auf.

„ Ich glaube an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.“ Diesem urchristlichen Bekenntnis haben Gemeinden nach und nach weitere Sätze hinzugefügt. In seiner heutigen Form wird das apostolische Glaubensbekenntnis erstmals am Ende des vierten Jahrhunderts in einen Brief der Mailänder Synode an Papst Syricius zitiert.

Es ist also ein sehr altes Dokument, das durch ständigen Gebrauch in den Gemeinden gewachsen ist, bis es seine endgültige Form gefunden hat. Das macht dieses Bekenntnis so wertvoll. Es verbindet uns mit den Christen vor uns und mit den Christen neben uns. Fast überall auf der Erde wird es gesprochen, wo Menschen in Jesu Namen zusammen sind.

Manch einer stolpert über den einen oder anderen Satz in dem Bekenntnis oder meint, ihn nicht mitsprechen zu können. Im Ganzen ist es ein Bekenntnis zur Verbundenheit der Christen weltweit und über die Jahrhunderte hinweg.

Ich stolpere weniger über einzelne Sätze als über das, was nicht in dem Bekenntnis gesagt wird: Jesus Christus, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, sprechen wir. Und im nächsten Atemzug: gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben. Alles, was zwischen Geburt und Tod war, Jesu Worte, mit denen er Gottes Nähe verkündete, seine heilsamen Taten, alles das kommt nicht vor.

Beispielhaft kommt das in dem heutigen Predigttext Jesu Lebenswerk zur Sprache:
„Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch.
Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus,
der war ein Oberer der Zöllner und war reich.
Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre;
Aber er konnte es nicht wegen der Menge;
denn er war klein von Gestalt.
Darum lief er Jesus voraus zu der Stelle, wo er durch-kommen sollte.
Dort stieg er auf einen Maulbeerfeigenbaum,
um ihn zu sehen.“ (Lukas 19,1-4)

Jesus kommt. Eine Menge erwartet ihn. Bei einem ist der Wunsch, ihn zu sehen, besonders dringend. Er ist klein von Gestalt, die anderen versperren, ihm die Sicht und sind auch nicht bereit, ihn nach vorn zu lassen. So steigt er auf einen Baum am Wegrand.

Wer sind wir, wer bin ich in der Geschichte? Ich vermute am ehesten finden wir uns in der Menge wieder. Leute, die das Kommen Jesu erwarten.

Ich verstehe mich als Teil der Gemeinde. Gleichzeitig war ich jahrelang auch ihr Gegenüber.
Von erhöhter Stelle habe ich viele Jahre lang zu euch, zu Ihnen gesprochen. Das war mein Auftrag. Diese Stelle und die damit verbundene Stellung verschafften mir einen Überblick
nicht nur über die, die jetzt hier sind, auch über die Gemeinde im Ganzen.
Zachäus stieg auf den Baum, weil er begehrte, Jesus zu sehen. Er wollte wissen, wer er ist.
Wissen, wer Jesus ist. Darum habe auch ich mich bemüht. Ich habe Ausschau gehalten nach Jesus und was ich von ihm erkenne, von hier aus weitergegeben. Anders als Zachäus, war ich immer auch Teil der Menge, Teil der Gemeinde.

Seit knapp drei Jahren ist mein Platz ganz unter denen, die vom Boden aus nach Jesus Ausschau halten und hoffen, etwas von ihm zu spüren und zu erfassen. Dies, so vermute ich, ist der Beweggrund, weshalb Sie, weshalb ihr hier seid. Etwas von Jesus spüren, von seiner Güte und Freundlichkeit, etwas spüren von der Nähe Gottes.

„Wo zwei oder drei…“ hat Jesus gesagt. In seinem Namen haben wir den Gottesdienst begonnen. Aber zusammen – sind wir das hier? Ich sehe alle für sich, weit entfernt. Von Gemeinschaft kann keine Rede sein. Auch hinterher nicht. Bisher jedenfalls nicht.

Gebt dem Geist Raum, hieß es in der Lesung, dem Brief des Paulus. (1. Thessalonicher 5,14-24) Doch wo Gemeinschaft nicht zu spüren ist, hat der Geist es schwer. Statt dessen spüre ich in der Kirche Angst. Die Angst regiert schon seit Jahren. Angst vor Bedeutungsverlust.
Angst vor Verzwergung.

Immerzu veröffentlicht die Kirche neue Zahlen, von einem fortwährenden Schrumpfungsprozess. Erst war 2030 das magische Jahr, inzwischen ist es 2060. Solche Zahlenspiele wecken Hoffnungslosigkeit. Da bleibt nur die Frage, wer am Ende das Licht ausmacht.
Nun kommt auch noch Corona hinzu. Ein bleiernes Gefühl hat sich ausgebreitet an vielen Stellen. Beinahe das gesamte kirchliche Leben erscheint wie erstarrt und gelähmt.
Und unsere Kirche setzt allen staatlichen Regelungen noch eins drauf, verschärft diese und trägt so selbst zu ihrer eigenen Lähmung mit bei.

Eine hat auf ständiges Drängen aus der Gemeinde diese Lähmung durchbrochen und ein paar Leute zusammengerufen, um hinter der Kirche das Zelt auf-zubauen. Etwas spät, wo der Sommer jetzt zu Ende geht. Aber nicht zu spät, um heute nach dem Gottesdienst da Platz zu nehmen. Es ist auch Kaffee gekocht worden, Tee wird auch gemacht. Obendrein gibt es noch eine weitere Überraschung. So kann Gemeinschaft wieder spürbar werden.

Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

Etliche, die das sahen, murrten alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt.
Ein Zöllner galt als Betrüger. Egal ob er seinen Reichtum rechtmäßig erwarb oder durch Betrug, das Urteil oder Vorurteil stand fest: Er ist ein Betrüger, ein Sünder, und damit ausgeschlossen aus der Gemeinschaft derer, die sich für gerecht halten. Und die sind empört. Mit so einem hält Jesus Tischgemeinschaft! Der weiß doch, was das für einer ist.

Jesus tut nicht, was von ihm erwartet wird, nicht das politisch Korrekte, sondern das Gegenteil. Er tut, was nicht opportun ist, was man nicht tut, wenn man ein Lehrer der göttlichen Weisungen sein will. Er schwimmt gegen den Strom.

Einer ist froh über Jesu Verhalten. Zachäus nimmt ihn auf mit Freuden. Er ist glücklich darüber, dass Jesus ihn wahrgenommen hat mit seiner Sehnsucht dazuzugehören. Das soll nun auch weiterhin so sein. Zachäus will alles tun, nicht mehr als Sünder ausgesondert zu sein, er will dazugehören. Er möchte, dass die Menschen in der Stadt, in der er lebt, ihn freundlich begrüßen, vielleicht auch mal einladen oder von ihm einladen lassen. Er will einer von ihnen sein. Deshalb sagt er zu Jesus: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“

Er macht alles wieder gut. Und Jesus sagt: „Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams.“ Auch er gehört zu dem Volk Gottes.

Wo sind wir in der Geschichte? Wechseln wir für einen Moment in die Rolle des Zachäus, der von seinem Baum herunter gekommen ist und nun mit Jesus zusammen sitzt. Stellen wir uns vor: Wir sind Zachäus. Jesus ist bei uns eingekehrt. Was sagt er uns? Welche Botschaft hat er für uns?

Ich höre Jesus sagen: Mehr Mut, überängstliche Regelungen der Kirche nicht ganz so ernst nehmen und es damit genug sein lassen, die staatlichen Regeln zu beachten. Mehr Mut, das zu tun, was inzwischen im Land wieder erlaubt ist. Mehr Nähe wagen.

Als einer, der selbst zur Hochrisikogruppe gehört, nehme ich die Gefahr ernst, die von dem Virus aus-geht. Mit dem Virus leben wir jetzt seit einem halben Jahr. In dieser Zeit haben wir gelernt, Gefahren und Risiken abzuschätzen Wir haben gelernt, Orte und Situationen einzuschätzen, von denen keine Gefahr ausgeht.
Ich höre Jesus zu den kirchlichen Bedenkenträgern auch sagen: Mehr Vertrauen wagen. Mehr Vertrauen darauf, dass jede und jeder für sich Verantwortung übernimmt und sich so verhält, wie es dem eigenen Gefühl und der eigenen Einschätzung der Situation entspricht.

Wenn wir wieder mehr von Jesu Geist spüren wollen, müssen wir uns vielleicht auch wieder mehr an sein Wort als an irgendwelche Vorschriften halten: „Das Gesetz ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Gesetzes willen.“ (Markus 2,27)

Mit Sprüchen wie diesen und Handlungen wie der, sich von Zachäus einladen zu lassen, hat Jesus sich Feinde gemacht. Geschichten und Sprüche wie diese bilden das Bindeglied zwischen den beiden Zeilen unseres Glaubensbekenntnissen: Geboren, gelitten und gekreuzigt.

Vielleicht haben unsere Vorfahren im Glauben, die das Bekenntnis zusammengestellt haben, mit Absicht die Lücke gelassen zwischen Geburt und Tod. Dazwischen ist das Leben.
Die Lücke zwischen geboren, gekreuzigt und begraben regt an, selber nachzuforschen. Wir haben vier Evangelien, die diese Lücke füllen. Zu viel für ein Bekenntnis, eine kurze Zusammenfassung des Glaubens. Aber genug, um fündig zu werden bei der Suche danach, was das Leben Jesu ausgemacht hat.

Der Geschichte von Zachäus übrigens hat der Evangelist Lukas noch diesen Satz Jesu angehängt: „Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Ja, ich glaube, nicht nur wir suchen ihn, er sucht auch uns.



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