Die Lücke im Bekenntnis

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13.09.2020

Die Lücke im Bekenntnis Predigt am 13. September – 14. Sonntag nach Trinitatis Am heutigen Sonntag wollte der gemeindliche Männertreff den Gottesdienst gestalten. Zum apostolischen Glaubensbekenntnis wollten...   mehr




Mit Israel die Güte Gottes feiern


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16.08.2020

Am heutigen Israelsonntag geht es darum, die Gemeinschaft von Christen und Juden zu bedenken und zu feiern. Das fällt schwer angesichts der Verhältnisse, die unter einem korrupten Präsidenten in Israel herrschen. Davon möchte ich jetzt absehen und Israel als eine geistliche Wirklichkeit in den Blick nehmen. Israel – das von Gott erwählte Volk. Dazu ausersehen, dass Gott an ihm und mit ihm allen anderen Völkern offenbart, wer er ist. Das hat von jeher den Neid anderer Völker hervorgerufen.

Lange Zeit haben auch Christen die Juden abgelehnt, haben Feindschaft und Haß gegen sie gepredigt. Auf dem Boden des christlichen Abendlandes hat ein Vernich-tungsfeldzug gegen das jüdische Volk stattgefunden, dem sechs Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Nach dieser Geschichte hat in unserer Kirchenordnung eine Umkehr stattgefunden. Diese Umkehr führte nach langen Diskussionen zu diesem Bekenntnis, das in die Präambel unserer Kirchenordnung aufgenommen wurde: Die Evangelische Kirche im Rheinland „bezeugt die Treue Gottes, der an der Erwählung seines Volkes Israel festhält. Mit Israel hofft sie auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Die Kirche hat aus der Geschichte gelernt. Sie kehrt um zu ihren Wurzeln, die sie jahrhundertelang verschwiegen, verraten und bekämpft hat.

Dabei hätte sie es von Anfang besser wissen müssen. Hätte sie nur auf Paulus ge-hört. Schon zu seiner Zeit gab es Christen, die abfällig auf die Juden herabblickten. Sie hielten sich für etwas Besseres. Paulus spricht die Leute in Rom auf ihre Über-heblichkeit an und schreibt: „Ich will euch, liebe Brüder, dies Geheimnis nicht ver-hehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet.“

Die Christen in Rom meinten offenbar, dass sie den wahren Glauben hätten. Und dass Gott nun sie erwählt und die Juden verstoßen hätte. Dass also in Gottes Heils-plan die Kirche an die Stelle des jüdischen Volkes gerückt wäre. ´Wir sind das Got-tesvolk, die Juden haben ihr Erwähltsein vertan. Denn sie haben den Erlöser gekreuzigt. Sie glauben nicht an Jesus als den Messias.` So dachten damals Christen in Rom. So glaubte und verkündete es die Kirche bis in das vergangene Jahrhundert.

Paulus tritt diesem christlichen Hochmut entgegen. Es war für ihn selbst schwer zu ertragen, dass seine jüdischen Glaubensgeschwister sich so ablehnend gegenüber dem Christusglauben verhielten. Was wird aus Israel, dem von Gott erwählten Volk? Diese Frage hat ihn umgetrieben. Er hat die Schriften der Bibel studiert und nach einer Antwort abgesucht. Und er hat eine Antwort gefunden. Diese verkündet er mit dem Anspruch, dass Gott selbst ihm Einblick in seine Pläne gewährt habe. „Ich will euch in Gottes Plan einweihen“, schreibt er an die Glaubensbrüder und -schwestern in Rom. In der Luther-Übersetzung ist von einem Geheimnis die Rede.

Das göttliche Geheimnis, das Paulus erkannt hat und der Gemeinde in Rom mit-teilt, ist ein schwieriger Gedankengang. Das Fazit lautet: Gott ist treu. Er steht zu seinem Bund, den er mit Israel geschlossen hat. Er wird allen, Juden und Nichtjuden seine Gnade zuwenden. Alle sollen sein Heil erfahren.

Von einer heilvollen Gegenwart war die Welt zur Zeit des Paulus genauso weit ent-fernt wie wir es heute sind. Das war der Grund dafür, dass die Juden sich nicht dem Glauben an Jesus Christus anschlossen. Sie sagen: Wie kann das sein, dass Jesus der Christus, der Erlöser und Retter der Welt ist, wo doch die Welt so unerlöst ist wie nur was, voller Unfrieden, voller Hass und Gewalt? Wo ist der Frieden, den er ge-bracht hat? Wo ist das Heil, das mit ihm gekommen ist? Nach wie vor bestehen gläubige Juden darauf, dass der Erlöser noch nicht gekommen ist. Und dass dann, wenn er kommt, die Welt wirklich erlöst sein wird, dass dann Frieden und Gerech-tigkeit auf der Erde einkehren. Bis dahin ist einem jeden Gläubigen aufgegeben, tat-kräftig zu hoffen. Jeder Glaubende hat die Aufgabe, mit Taten der Nächstenliebe das Kommen des Erlösers anzubahnen.

Die Liebe, das ist der Kern des jüdischen Glaubens. Wir Christen haben ihn über-nommen. Im Evangelium des Markus lesen wir diese Geschichte:

„Und es trat zu Jesus einer von den Schriftgelehrten. Der fragte ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? Jesus aber antwortete ihm: Das höchste Gebot ist das: Hö-re, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften“ (5.Mose 6,4-5). Das andre ist dies: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.
Da sprach der Schriftgelehrte zu Jesus: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet!

Das berühmte Doppelgebot der Liebe. Alle anderen Gebote Gottes sind darin zu-sammengefasst. Jesus kannte seine Bibel, unser Altes Testament. Aus ihm zitierte er. Der erste Teil ist das jüdische Glaubensbekenntnis, das jedes Kind auswendig kennt: „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.“

Wie kann man Gott lieben, den man nicht sieht und eigentlich auch nicht kennt? Erst nach unserer Erdenzeit werden wir erkennen, wie wir jetzt schon erkannt sind. So schreibt es Paulus in seinem Hohenlied der Liebe.

Wie liebt man diesen unsichtbaren Gott? Die Lesung aus dem 2. Buch Mose sagt: Gott lieben heißt, seiner Stimme gehorchen und seinen Bund halten. Was Inhalt des Bundes ist, schreibt das 2. Mosebuch im nächsten Kapitel. Da listet es die zehn Ge-bote auf. Die Gebote halten, so lieben wir Gott.

Jesus gibt die Antwort, indem er zwei Gebote in einem zusammenfasst. Was das erste und wichtigste Gebot ist, wollte der Schriftgelehrte von ihm wissen. Jesus antwortet mit zwei Geboten. Damit macht er dem Fragesteller klar, dass beide zusammen eins sind. Wo immer zwei Menschen sich selbstlos lieben, ist Gott der Dritte im Bunde. Gott lieben, schließt ein, den Mitmenschen lieben. Die Bibel gebietet nicht ein Gefühl. Gefühle lassen sich nicht befehlen. Sondern das Gebot fordert praktische Liebeserweise, wie einen Krankenbesuch, das Trösten der Trauernden, das heimliche Geben von Almosen, all das, was man einem Mitmenschen Gutes tun kann.

In diesen zwei Geboten ist indirekt noch ein drittes enthalten: „wie dich selbst“. Of-fenbar geht die Bibel davon aus, dass jeder Mensch sich selbst liebt. Diese Selbstlie-be soll der Maßstab sein für die Liebe zum Nächsten. Die so genannte goldene Regel bringt dies zum Ausdruck. „Alles, was du willst, dass dir andere tun sollen, das tu ihnen auch!“ (Mt 7,12)

Der berühmte jüdische Gelehrte Martin Buber erzählte, wie ihn nach dem Vortrag eine Frau ansprach und sagte: „Ich liebe mich selbst überhaupt nicht, wie kann ich dann andere lieben?“ Buber nahm die Frage ernst. Er war damals damit beschäftigt, die Bibel ins Deutsche zu übersetzen. Nun suchte er nach einer anderen Übertragung und fand sie in dieser Formulierung: „Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.“ So ist nicht die Eigenliebe der Maßstab für die Liebe zum Nächsten, sondern das Wissen: Der andere ist ein Mensch wie ich.

Der Evangelist Lukas schließt nach der Auskunft Jesu die Frage des Gelehrten an, wer denn eigentlich sein Nächster sei. Jesus antwortet darauf mit der berühmten Ge-schichte vom barmherzigen Samariter. Die Moral von der Geschichte lautet: Mein Nächster ist der, der mich jetzt gerade braucht, meine Hilfe, mein Ohr, meinen Zu-spruch oder einfach mein Dasein. Der ist mein Nächster, egal wer es ist. Die Ge-schichte unterstreicht noch einmal, was Jesus mit der Goldenen Regel gesagt hat: Was du willst, dass andere dir Gutes tun, das tu ihnen auch. Wenn du willst, dass dir geholfen wird, wenn du ein Problem hast, dann hilf dem, dem du jetzt helfen kannst. Eine Moral, die für Juden und Christen gleichermaßen gilt, eigentlich für alle Menschen.

Die alte Feindschaft zwischen Christen und Juden ist begraben. Wir Christen wissen heute, was wir den Juden verdanken. Schließlich war derjenige, der zum Begründer unseres Glaubens geworden ist, selbst ein Jude.

Der vor elf Jahren neu eingefügte Satz in unserer Kirchenordnung überwindet auch einen scheinbaren Widerspruch zwischen dem jüdischen und dem christlichen Glau-ben, der im Kreuz Jesu begründet ist. Für Juden ist klar, dass die Welt noch nicht erlöst ist und die Erfüllung der prophetischen Verheißungen noch aussteht. Wir Christen wissen auch, dass wir in einer noch nicht erlösten Welt leben. Dem zum Trotz glauben wir aber, dass mit Kreuz und Auferstehung Jesu das Heil schon begonnen hat.

Die Kirchenordnung stellt fest: „Mit Israel hofft sie - die Kirche - auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Die neue Erde, auf der es gerecht und friedlich zugeht, ist noch nicht da. Wir sind weit entfernt davon. Wir hoffen. Auch wir Christen sind überzeugt davon, dass die endgültige Erlösung noch nicht geschehen ist.

Der jüdische Theologe Pinchas Lapide bringt jüdischen und christlichen Glauben zusammen und schlägt vor: Juden und Christen sollten aufhören, die Erlösung als ein Ereignis zu verstehen, das die Welt schlagartig verändert. Vielmehr sollten sie die Erlösung als einen Prozess verstehen, in dem die Menschen sich ihrer Mitverantwortung immer mehr bewusst werden. (Warum kommt er nicht?, S. 110)
Gemeinsam hoffen Juden und Christen auf einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Hoffen im biblischen Sinn bedeutet, das, was man erhofft, aktiv mit herbeizuführen. Zumindest in Richtung des Erhofften tätig sein. Dazu gehören die vielen kleinen Taten der Nächstenliebe, zu denen das Doppelgebot der Liebe ermuntert.

Also: Wir können viel von Israel lernen. Als Christen haben wir viel von Israel ge-lernt. Ohne den Glauben Israels gäbe es unseren Glauben nicht. Grund, dankbar zu sein für die Treue, die Gott seinem Volk auf der ganzen Erde erweist. Grund, ihn dafür zu loben. Grund, uns immer wieder auf ihn zu besinnen, um uns von seinen Worten Rat, Wegweisung, Trost und Kraft geben zu lassen.






Predigt über Römer 11,25-33 und Markus 12,28-34
gehalten am Israelsonntag, 20. August 2017




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