Die Lücke im Bekenntnis

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13.09.2020

Die Lücke im Bekenntnis Predigt am 13. September – 14. Sonntag nach Trinitatis Am heutigen Sonntag wollte der gemeindliche Männertreff den Gottesdienst gestalten. Zum apostolischen Glaubensbekenntnis wollten...   mehr




Mit Israel die Güte Gottes feiern

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16.08.2020

Am heutigen Israelsonntag geht es darum, die Gemeinschaft von Christen und Juden zu bedenken und zu feiern. Das fällt schwer angesichts der Verhältnisse, die unter einem korrupten Präsidenten in Israel...   mehr




 

Der Grund des Lebens

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09.08.2020

Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis „Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde...   mehr




Wozu wir Christen da sind

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02.08.2020, 10:59

Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter, die er alle sehr liebte, am meisten aber die jüngste von ihnen. Sehr gerne wollte er wissen, ob die Töchter seine Liebe erwidern und verlangte von ihnen ein...   mehr




Brot, das alle satt macht - Johannes 6,30-35

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26.07.2020

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ Wort Jesu Christi. „Brot und Spiele“, das wussten die Herrscher im alten Rom, Brot...   mehr




 

Fürchtet euch nicht, ich bin bei euch - Matthäus 28,20

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19.07.2020, 09:30

„Fürchtet euch nicht. Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. So sprach Jesus zu seinen Jüngern. Er hat nicht gesagt: Macht euch keine Sorgen, ich kümmere mich um alles.“ Mit diesen Worten...   mehr




Zufälle bestimmen unser Leben

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19.07.2020

„Das war ein Zufall.“ So antwortete eine Frau auf meine Frage, wie sie und ihr Mann sich kennen gelernt haben. Er wohnte und arbeitete in Duisburg. Sie wohnte in Frankfurt und arbeitete bei den Opelwerken in...   mehr




 

Die Sache mit dem Kreuz - 1. Korinther 1,18-25

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12.07.2020

Dem Kreuz begegnen wir auf Schritt und Tritt. Einmal fragte ich eine junge Frau, die ein Kreuz an einem Halsband trug, ob das eine bestimmte Bedeutung für sie habe. Sie sagte: „Es hat keine tiefere Bedeutung....   mehr




Der werfe den ersten Stein - Johannes 7,40-53. 8,3-11

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05.07.2020

Wer ist Jesus? Ist er ein Prophet, der im Auftrag Gottes zu den Menschen spricht? Ist er der Christus, der von Gott gesandte Heilsbringer? Oder ist er ein Verführer, der mit genialer Redekunst die Menschen für...   mehr




Niemand geht verloren

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28.06.2020

Vom Suchen und Finden Jesus erzählt ein Gleichnis. Seine kleinen Geschichten sind Denkanstöße mit Schockwirkung. Denn ein Gleichnis stellt Dinge auf den Kopf, durchbricht das ge-wohnte Denken. Es fordert...   mehr




Ströme lebendigen Wasser - Sonntag Exaudi

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24.05.2020

Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers...   mehr




Wenn das Beten sich lohnen tät - Lukas 11,1-4

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16.05.2020
Predigt zum Sonntag Rogate
Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn...   mehr


Sieben Wochen ohne Pessimismus, sieben Wochen Zuversicht

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08.03.2020, 10:00

Predigt zur Fastenaktion über 2. Mose 14,1-14

Es war der letzte Gottesdienst, der vor der Corona-Krise noch stattfand. Ab dem nächsten Sonntag waren alle Kirchen geschlossen. Sieben Wochen ohne Pessimismus – sieben Wochen Zuversicht. So heißt das Motto...   mehr




Visionen braucht ein Volk

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10.11.2019

Predigt über Sprüche 29,18 am 10. November 2019 zu Beginn der Friedensdekade

Ein Volk ohne Visionen geht zugrunde. Sagt die Bibel. (Sprüche 29,18) „Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen.“ Sagte der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt beim Bundeskongress der SPD am 4. Dezember...   mehr





Erinnerung an die Zeit der Wende

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29.09.2019, 10:00

Predigt mit Matthäus 6,25-34 Erinnerung an Christoph Wonneberger

Gottesdienst am 29. September 2019 in Duisburg-Wedau Erinnerung an Christoph Wonneberger und die Demonstrationen in Leipzig im Herbst 1989 Matthäus 6,25-34 Wir hören Worte aus der Bergpredigt. Jesus...   mehr





Anspiel von einer Männergruppe - 30 Jahre Mauerfall


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15.09.2019

Gottesdienst 30 Jahre Mauerfall am 15. September 2019

Anspiel nach Art einer Talkshow

Teilnehmer: Mathias Wolf, Frank Richter, Helmut Müller, Moderator


Moderator
Guten Morgen, meine Damen und Herren, herzlich willkommen zu unserer sonntäglichen Gesprächsrunde. Unser Thema heute: 30 Jahre Mauerfall,
das bedeutendste Ereignis unserer jüngeren deutschen Geschichte.
Begrüßen Sie mit mir unsere Gäste:
Mathias Wolf ist Pfarrer einer Landgemeinde in Nordbrandenburg. Er teilt sich die Stelle mit seiner Frau. Mit der anderen halben Stelle ist Mathias Wolf Öffentlichkeitsbeauftragter des Kirchenkreises Oberes Havelland.
„Lasst es doch einfach sein!“ Unter dieser Überschrift hat er gemeinsam mit seiner Frau für eine Zeitschrift einen Artikel geschrieben über die vielfach vergebliche Arbeit in den Ge-meinden.

Frank Richter, am 20. April 1960 in Meißen geboren, ist als Bürgerrechtler vor dreißig Jahren mit auf die Straße gegangen. Als einer von einigen tausend anderen Menschen hat er den friedlichen Umsturz in der DDR mit bewirkt. Bis heute engagiert er sich politisch in seiner Heimat Sachsen.
Letztes Jahr im September kandidierte er als Parteiloser für die Wahl des Oberbürgermeisters in Meißen. Er unterlag dem bisherigen Amtsinhaber knapp in der Stichwahl.
„Hört endlich zu!“ So fordert er besonders uns im Westen dazu auf wahrzunehmen, was die Menschen im Osten bewegt.

Helmut Müller ist als normaler Wessi-Bürger bei uns. Er kennt die DDR noch von Reisen dorthin, hat sich mit gefreut über den Fall der Mauer und beobachtet aufmerksam das Ge-schehen in unserem Land.

Vielen Dank, dass Sie drei heute unsere Gäste sind.
30 Jahre, Gelegenheit, eine vorläufige Bilanz zu ziehen.

Frank Richter, Sie waren hautnah dabei. Ihnen und Ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern verdanken wir dieses historische Ereignis, über das wir jetzt sprechen. Ist der Anlass, 30 Jahre Mauerfall, ein Grund zur Freude?


Frank Richter
Ja, unbedingt. Es ist ja einmalig in der deutschen Geschichte, dass eine solche grundlegende Veränderung friedlich über die Bühne gegangen ist. Das ist beispielhaft in der gesamten Ge-schichte der Menschheit.
Ich selbst konnte in bescheidenem Maße mithelfen, die autoritäre und in Teilen menschenver-achtende Ordnung der DDR erfolgreich zu bekämpfen. Der Erfolg wäre nicht möglich gewe-sen ohne die damals günstige politische Großwetterlage. In der Sowjetunion, die mit 300.000 Soldaten in unserem Land präsent war, hatte Michail Gorbatschow die Losung ausgegeben: Perestroika und Glasnost – Offenheit und Umgestaltung. Er ließ seine Soldaten in den Kaser-nen, als wir im Herbst vor dreißig Jahren immer mehr wurden und der DDR Führung zuneh-mend die Kontrolle entglitt. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie alles unter einem Putin aus-gegangen wäre.
Als dann am 9. November die DDR-Führung vollständig abtauchte, da gab´s im Osten kein Halten mehr. Deshalb ist für uns im Osten der 9. November unser Feiertag. Die Herrschaft der alten Männer war gebrochen. Nun konnte etwas Neues beginnen.

Helmut Müller
Ich möchte mal kurz unterbrechen. Auch für uns im Westen ist der 9. November ein besonde-rer Tag. Ich erinnere mich genau, wie ich diesen Tag erlebt habe.
Es lag was in der Luft. Sooft ich konnte, habe ich Nachrichten im Radio gehört. In den Tages-themen um 22.40 Uhr verkündete der Sprecher Hans-Joachim Friedrichs, dass die Grenze am Brandenburger Tor offen ist.
Ich habe seine Worte noch im Ohr: „Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich so leicht ab“, sagt er, „aber an diesem Abend darf man einen riskieren. Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“ Worte, die un-vergessen sind.
Eine Stunde vorher hatte schon das „heute journal“ im ZDF berichtet, „die DDR habe die Grenze zur Bundesrepublik geöffnet. Der Moderator schloss den Beitrag mit der Frage: „Welchen Sinn kann da noch eine Mauer haben?“

Ein Onkel von mir hat sich, als er das hörte, zusammen mit seiner Frau auf der Stelle aufge-macht zum Düsseldorfer Flughafen. Da haben sie den nächstbesten Flieger nach Berlin ge-nommen. Die waren hautnah dabei, als die vielen Menschen aus dem Osten in Westberlin ankamen. Mein Onkel, der damals schon an die siebzig war, der macht so etwas. Und ich komm nicht auf diese Idee. Das ärgert mich heute noch. Aber ich bin seitdem oft in Berlin gewesen, als die Mauer noch stand und jetzt, wo nur noch Reste davon stehen. Am 25. Jahres-tag des Mauerfalls war der ganze ehemalige Mauerstreifen mit Ballons erleuchtet. Das war sehr, sehr beeindrucken. Ich bin stolz darauf, dass die friedliche Revolution damals ein Teil unserer deutschen Geschichte ist.


Frank Richter
Ich war eben noch nicht ganz fertig. Ist dieser Anlass ein Grund zur Freude?, so haben Sie gefragt. Ja, habe ich gesagt, ohne Einschränkung. Auch ich bin stolz auf diesen Teil unserer Geschichte. Jetzt kommt doch ein Aber.
Wir Bürgerrechtler haben uns damals einen anderen Fortgang der Geschichte gewünscht. Wir wollten das Erreichte fortsetzen, die DDR zu einem demokratischen und sozialen Staat entwi-ckeln. Dazu wurde uns aber keine Zeit gelassen. Die Parteien und Politiker aus dem Westen übernahmen das Ruder. Auch unsere eigenen Leute trauten denen mehr zu als uns, die wir die Wende herbeigeführt haben. Auf´s Ganze gesehen, waren wir eine Minderheit, auch wenn am Ende hunderttausend auf die Straße gingen. Die Mehrheit wartete einfach ab. Als dann die Chance da war, konnten sie nicht schnell genug in den Westen ziehen. Die D-Mark musste so schnell wie möglich kommen. Die Idee, einen neuen Staat aufzubauen, spielte für die aller-meisten keine Rolle.
Wir waren es im Osten auch nicht gewohnt, Verantwortung zu übernehmen.
Für uns sorgte Vater Staat. Diese Sorge übernahm nun der westdeutsche Bundeskanzler Hel-mut Kohl. Er versprach blühende Landschaften. Deshalb wählten ihn die Menschen im Osten. Im Westen hatte er eigentlich abgewirtschaftet.
Die Wende fiel ihm als Geschenk in den Schoß. Die verhalf ihm zu einer weiteren Amtszeit. Aber er hat den Menschen im Osten zu viel versprochen. Vieles ist damals schief gelaufen. Deshalb ist heute im Osten die Enttäuschung groß.

Moderator
An dieser Stelle bringe ich nun den Vertreter der ostdeutschen Kirchen ins Gespräch. Wie sehen Sie die Situation heute?

Mathias Wolf
Auch wir mussten erst einmal mit einer Enttäuschung fertig werden. Damals im Herbst 1989 wurden die Kirchen immer voller. Überall fanden am Montag Friedensgebete statt. In vielen Orten brachen die Besucher der Gebete anschließend zu einer Demonstration für Offenheit und Freiheit auf. Wir hatten gehofft, die Menschen würden uns auch nach der Wende die Treue halten.

Moderator
Sozusagen als Ausdruck der Dankbarkeit für den Beitrag, den die Gemeinden geleistet haben. Als Kirche haben Sie ja großen Anteil daran, dass die vielen Demonstrationen friedlich ge-blieben sind.

Mathias Wolf
So ist es. Dankbarkeit aber kann man in der Kirche nicht erwarten. Viele unserer engagierten Gemeindeglieder sind damals verschwunden. Ab in den Westen. Besonders bei uns auf dem Land sind viele gegangen. Was sollten sie hier noch? Die von der Regierung eingesetzte Treuhandgesellschaft wickelte unsere Betriebe ab. Die waren auch zum großen Teil marode und nicht konkurrenzfähig.
Die LPG – landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften – wurden privatisiert. Auch damit gingen Arbeitsplätze verloren. Hier blieb kein Stein auf dem anderen. Das betraf auch uns Gemeinden. Wir mussten uns erstmal umschauen, wer überhaupt noch da ist. Dann be-gannen wir mit den Verbliebenen, unsere Gemeinden neu aufzubauen.
Dabei haben wir Erfahrungen gemacht, die auch für Ihr kirchliches Leben im Westen interes-sant sein können.

Moderator
Erzählen Sie mal

Mathias Wolf
Ein Beispiel: Der junge Kollege hat alles sorgfältig vorbereitet - den Beamer aufgebaut, Tee gekocht, Spiele für den Anfang geplant, dann Kleingruppenarbeit. Der Abend zur Jahreslo-sung sollte ein richtig guter Start ins Gemeindejahr werden. Mit zwanzig Leuten hat er ge-rechnet, es stand ja im Gemeindebrief und er hatte es auch im Gottesdienst abgekündigt. Und es kam - niemand. Kein Mensch.
So ist das oft. Man gibt sich sehr viel Mühe. Man wirbt, lädt ein, man meint, ein tolles Pro-gramm zu haben für den Abend und dann - keiner kommt. Da zweifelt man an sich selbst: Was mache ich verkehrt? Mögen mich die Leute nicht? Interessiert sie das nicht, was ich ihnen anbiete?
Und dann überlegt man sich für´s nächsten Mal etwas ganz Besonderes. Vielleicht kommen zwei, drei der ganz Getreuen aus Mitleid. Das sagen sie dann auch noch: „Damit Sie nicht allein hier sind.“
So strampeln wir uns ab hier auf dem Land, in der Uckermark, der Altmark vermutlich wird´s in der Eifel und im Hunsrück genauso sein.

Helmut Müller
Bei uns in der Stadt ist es noch nicht ganz so schlimm. Obwohl manche Gottesdienste auch traurig aussehen. Da predigt der Pfarrer in einer großen Kirche vor zwölf Leuten. Die könnten allerdings in eine andere Kirche gehen, die knapp drei Kilometer entfernt ist und wo dann eine größere Gemeinde zusammen wäre. Das können die Menschen auf dem Land nicht. Wir haben hier auch immer noch genug Pfarrer und Pfarrerinnen. Das soll sich ändern in den nächsten zehn Jahren, wenn viele in den Ruhestand gehen. Die Kirchenleitung hat allerdings keine Eile damit, neue Leute für den Pfarrdienst zu motivieren.
Was Sie im Osten erleben, ist für uns noch weit weg – noch. Ich habe den Eindruck, das än-dert sich. Die Verbundenheit mit der Kirche bröckelt. Es sterben mehr Gemeindeglieder als dass neue hinzukommen. Schon werden Berechnungen angestellt, wann der letzte bei uns das Licht ausmacht, wenn die Entwicklung so weitergeht.

So schlimm wird´s nicht kommen. Ein gewisser Stamm von Menschen wird bleiben. Die können sich ohne Gott, ohne den Glauben das Leben nicht vorstellen. Den Glauben zu ver-künden und selbst zu leben, dazu werden die Gemeinden auch weiterhin gebraucht.

Mathias Wolf
Das haben wir uns zur Hauptaufgabe gemacht. Wir haben gemerkt, dass vieles, was wir tun und anbieten, aus reinem Pflichtgefühl heraus geschieht: ´Man muss doch in einer Gemeinde für alle Altersgruppen etwas bieten.` Mit dieser selbst gestellten Forderung haben wir uns unter Druck gesetzt.
Noch ein Beispiel: Ein „Glaubenskurs für Zweifler“ wird geplant. Etliche Vorbereitungs-abende werden angesetzt. Das Team der Ehrenamtlichen ist zu achtzig Prozent identisch mit dem Team, das auch den Kindergottesdienst, das Gemeindesommerfest, das Kirchweihjubilä-um und den „Tag der Begegnung“ vorbereitet. Es wird geplant, kopiert, dekoriert und ge-kocht. Die Leute, die kommen, sind wiederum zu einem Großteil identisch mit dem Ge-sprächskreis, dem Kirchvorstand und dem Gottesdienstkern. Besucher und Ehrenamtliche sind fast immer dieselben Kreise. Außenstehende werden kaum erreicht.
Wir haben uns gefragt: Was ist das, was Haupt- und Ehrenamtliche treibt, ein Angebot nach dem anderen zu machen, unabhängig vom Bedarf? Gehetzt wirken fast alle.
Natürlich wird von oben dagegen gesteuert. Ein Strukturpapier nach dem anderen wird ver-fasst. Von „Konzentrierung auf Kernaufgaben“ ist die Rede. Der Grundton ist jedoch immer derselbe: Bewährtes weiterführen und gleichzeitig neue Wege gehen. Übersetzt in die Praxis: Alles so weitermachen wie bisher und zusätzlich neue Angebote schaffen!

Helmut Müller
Ein bisschen erkenne ich unser gemeindliches Leben in dieser Beschreibung wieder. Auch bei uns sind es fast immer die gleichen, die mithelfen und überall auftauchen.

Mathias Wolf
Wir haben uns dann mit einigen Kolleginnen und Kollegen zusammengesetzt und gesagt: So können wir nicht weitermachen.
Eine große Erleichterung war die Entflechtung der Gottesdienste. Karfreitag und Heilig Abend wird immer noch in jeder Kirche gefeiert. Da streichen wir nichts. Aber früher hatten wir allein zwischen dem 4. Advent und Silvester 24 Gottesdienste. Bei einer Gemeindeglie-derzahl von knapp 500 und einer durchschnittlichen Besucherzahl von unter zehn.
Statt zu versuchen, nun diese Gottesdienste irgendwie attraktiver zu machen, haben wir ge-strichen. Und das war der Beginn einer guten Entwicklung. Ostern gibt es jetzt einen Gottes-dienst. Am Ostersonntag. Und Weihnachten gibt es einen Gottesdienst. Am zweiten Weih-nachtstag treffen wir uns in einer unserer Kirchen. Entspannt und ausgeschlafen. Auch die Ehrenamtlichen sind erleichtert.
Die Gesprächskreise und Bibelwochen, die mit vier bis sechs Leuten dahindümpelten, sind eingestellt. Niemand vermisst sie. Selbst die Seniorenkreise sind größtenteils eingestellt. Sie unterschieden sich nur noch durch die Andacht am Beginn von den Angeboten der weltlichen Einrichtungen.
Der Umbau trägt langsam Früchte. Weil wir mehr Zeit zur Vorbereitung haben, sind die vier bis fünf Gemeindeabende inzwischen überfüllt. Manches konnte erst wachsen, nachdem wir Luft geschaffen haben. Das wenige, was wir anbieten, hat sich als qualitätsvoll herumgespro-chen. Und wir bieten nichts an, zu dem wir nicht selber gern gehen würden.
Wir haben mehr Zeit für das Wichtigste im Dorfpfarramt: Besuche, Besuche, Besuche! Wir haben wieder Zeit, die Kinderarbeit und die Konfirmandennachmittage gut vorzubereiten. Es macht wieder Spaß.
Etwas Unerwartetes geschieht gerade. Fern der alten Strukturen kommt Neues aus einer Richtung, die wir bisher nicht im Blick hatten. Die Kirchenfernen, aber Interessierten.

Moderator
Sie haben offenbar die Not als Chance erkannt und neue Wege gefunden, auf denen Sie jetzt weitergehen. Das kann man wohl mit Einschränkung für Ihr ganzes Bundesland sagen. Die Wirtschaft wächst. Betriebe und Einrichtungen siedeln sich neu im Land ein. Die Arbeitslo-sigkeit liegt bei 5,6%, es herrscht beinahe Vollbeschäftigung. Eine große Zahl von Erwerbstä-tigen wagt den Schritt in die Selbständigkeit. Bei der Gründung von neuen Firmen liegt Bran-denburg hinter Berlin und Hamburg auf dem dritten Platz aller Bundesländer. Im Land wer-den Motoren, Triebwerke und Züge produziert, ICEs gewartet, Windmühlenflügel hergestellt und das Benzin für die Region. Eigentlich müsste die Stimmung der Menschen im Land bes-tens sein. Ist sie aber nicht, wie man an den Wahlen vor zwei Wochen ablesen kann. 23 Pro-zent haben die rechtsextreme Protestpartei gewählt, obwohl es ihnen doch gut geht. Warum? Herr Richter, erklären Sie uns das.

Frank Richter
Sie haben Recht, das ist schwer zu verstehen. Viele Menschen im Westen werfen uns das vor: „Ihr habt doch alles, was ihr wollt. Warum seid ihr so undankbar!“ So kommt es uns von Westdeutschen entgegen.
Warum bei uns der Unmut groß ist, obwohl es den Bürgern in unserem Land gut geht, das hat mit der Geschichte der letzten dreißig Jahre zu tun. Es ist so, als wenn die Kränkungen, die sich vor allem bei den Umbrüchen in den neunziger Jahren angesammelt haben, jetzt an die Oberfläche drängten. Psychologen kennen solche Prozesse.

Dazu kommen Probleme, die von den Bürgern immer wieder angesprochen wurden, aber nichts geschah. Ich nenne ein Beispiel: Betriebe, die sich neu in Brandenburg angesiedelt ha-ben, liegen oft weit entfernt von den Wohnorten.
Die Leute müssen pendeln. Das führt zu viel Frust. Nehmen Sie den Regionalexpress von Cottbus über Berlin nach Brandenburg an der Havel. Der ist in den Jahren immer voller ge-worden. Zusammengequetscht in überfüllten Zügen, so kommen die Leute schon voller Frust in ihrer Arbeitsstelle an. Die Pendler machten eine Eingabe nach der anderen, die Züge enger zu takten. Doch das Land scheute die Ausgabe und stellte sich taub. Ein Grund für viele, ihr Kreuz bei der fremdenfeindlichen Protestpartei zu machen.
Der Baudezernent von Eisenhüttenstadt bringt das Gefühl vieler Menschen im Osten auf den Punkt: Sie – damit meint er die Regierungen in Potsdam und in Berlin – „sie hören den Leuten zu wenig zu. Sie nehmen die Leute nicht mit.“

Und dann gibt es noch etwas, das viele frustriert, die sich in ihrem Ort engagieren. Mit hohem Zeit- und Kraftaufwand haben sie als ehrenamtliche Gemeinderatsmitglieder etwas auf die Beine gestellt, was den Ort attraktiver machen soll. Doch dann klagt einer dagegen und bringt das in vielen Diskussionen beschlossene Vorhaben zum Kippen. Die ganze Mühe war um-sonst. Dass die teilweise ausufernden Rechte einer einzelnen Person über das Allgemeinwohl und die demokratischen Prozesse gestellt werden, darüber sind viele Bürger enttäuscht und verlieren das Vertrauen in die Demokratie.

Helmut Müller
Das frustriert auch viele Menschen bei uns, dass eine Einzelperson mit Klagen und Eingaben das Engagement vieler zunichte machen kann.

Moderator
„Hört endlich zu!“ Dass ist ihr Appell, Herr Richter, „weil Demokratie Auseinandersetzung bedeutet.“ Dass sie nicht genügend gehört werden von den Leuten in den Regierungen, ob in Stadt, Land oder Bund, das macht auch im Westen viele Menschen unzufrieden und politik-verdrossen.
Ein kurzer Satz noch von jedem von Ihnen: Was wünschen Sie sich für die nächste Zeit?

Frank Richter
Das Auseinanderdriften der Gesellschaft, die Aushöhlung der Demokratie und die Glaubwür-digkeitskrise der Politik sind zu einem ernsthaften Problem herangewachsen. Die Demokratie ist in Gefahr. Das Problem kann nur abgebaut werden durch ein auf gegenseitiges Verstehen zielendes Hinhören und die offene Auseinandersetzung. Dass wir als gesamtdeutsche Gesell-schaft dahin finden, das wünsche ich mir und unserem ganzen Volk.

Mathias Wolf
Ich schließe mich dem an. Auch ich wünsche mir, dass die Menschen in unserem Land einan-der wieder mehr zuhören und wahrnehmen, wie es den Einzelnen geht. Dafür setzen auch wir in den Gemeinden uns ein. Und ich wünsche mir, dass die Menschen in unserem Land mer-ken, wie wichtig der Glaube ist. Der Glaube an eine Macht, die über uns steht, der Glaube an gemeinsame Werte und der Glaube an eine friedliche und gerechte Zukunft, für die es sich lohnt sich einzusetzen.

Helmut Müller
Wir müssen lernen, was der amerikanische Präsident John F. Kennedy mal so gesagt hat: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann. Sondern frage, was du für dein Land tun kannst.
Mein Wunsch ist es, dass die Menschen in unserem Land ihre Mitverantwortung erkennen für unser Gemeinwesen, für das Fortbestehen der Demokratie und für ein friedliches Miteinander.

Moderator
Meine Herren, ich danke Ihnen für das anregende Gespräch. Und ich danke Ihnen, liebes Pub-likum, für das aufmerksame Zuhören.

Gemeinsam singen wir jetzt ein Lied, das die Befindlichkeit vieler Menschen gut aufnimmt. Eine Gruppe in der DDR hat das Lied getextet und komponiert. Im Westen hat es Peter Maf-fay bekannt gemacht.
Über viele Brücken müssen wir in Ost und West noch gehen, damit wir ein einiges Land wer-den.



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