Die Lücke im Bekenntnis

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13.09.2020

Die Lücke im Bekenntnis Predigt am 13. September – 14. Sonntag nach Trinitatis Am heutigen Sonntag wollte der gemeindliche Männertreff den Gottesdienst gestalten. Zum apostolischen Glaubensbekenntnis wollten...   mehr




Mit Israel die Güte Gottes feiern

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16.08.2020

Am heutigen Israelsonntag geht es darum, die Gemeinschaft von Christen und Juden zu bedenken und zu feiern. Das fällt schwer angesichts der Verhältnisse, die unter einem korrupten Präsidenten in Israel...   mehr




 

Der Grund des Lebens

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09.08.2020

Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis „Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde...   mehr




Wozu wir Christen da sind

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02.08.2020, 10:59

Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter, die er alle sehr liebte, am meisten aber die jüngste von ihnen. Sehr gerne wollte er wissen, ob die Töchter seine Liebe erwidern und verlangte von ihnen ein...   mehr




Brot, das alle satt macht - Johannes 6,30-35

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26.07.2020

„Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.“ Wort Jesu Christi. „Brot und Spiele“, das wussten die Herrscher im alten Rom, Brot...   mehr




 

Fürchtet euch nicht, ich bin bei euch - Matthäus 28,20

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19.07.2020, 09:30

„Fürchtet euch nicht. Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. So sprach Jesus zu seinen Jüngern. Er hat nicht gesagt: Macht euch keine Sorgen, ich kümmere mich um alles.“ Mit diesen Worten...   mehr




Zufälle bestimmen unser Leben

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19.07.2020

„Das war ein Zufall.“ So antwortete eine Frau auf meine Frage, wie sie und ihr Mann sich kennen gelernt haben. Er wohnte und arbeitete in Duisburg. Sie wohnte in Frankfurt und arbeitete bei den Opelwerken in...   mehr




 

Die Sache mit dem Kreuz - 1. Korinther 1,18-25

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12.07.2020

Dem Kreuz begegnen wir auf Schritt und Tritt. Einmal fragte ich eine junge Frau, die ein Kreuz an einem Halsband trug, ob das eine bestimmte Bedeutung für sie habe. Sie sagte: „Es hat keine tiefere Bedeutung....   mehr




Der werfe den ersten Stein - Johannes 7,40-53. 8,3-11

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05.07.2020

Wer ist Jesus? Ist er ein Prophet, der im Auftrag Gottes zu den Menschen spricht? Ist er der Christus, der von Gott gesandte Heilsbringer? Oder ist er ein Verführer, der mit genialer Redekunst die Menschen für...   mehr




Niemand geht verloren

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28.06.2020

Vom Suchen und Finden Jesus erzählt ein Gleichnis. Seine kleinen Geschichten sind Denkanstöße mit Schockwirkung. Denn ein Gleichnis stellt Dinge auf den Kopf, durchbricht das ge-wohnte Denken. Es fordert...   mehr




Ströme lebendigen Wasser - Sonntag Exaudi

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24.05.2020

Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers...   mehr




Wenn das Beten sich lohnen tät - Lukas 11,1-4


Predigt zum Sonntag Rogate

Datum:16.05.2020



Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht:
Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung.

Was tun wir, wenn wir beten

Was tun wir eigentlich, wenn wir beten? Wir breiten im Gebet unsere Erfahrungen vor Gott aus. Wir bringen vor Gott unseren Dank, unsere Klagen, unsere Bitten für uns selbst und für andere Menschen. Und wir schweigen und warten darauf, dass er zu uns spricht. Man könnte es auch so sagen: Wenn wir beten, stellen wir uns und andere Menschen und die ganze Welt ins Licht der Liebe Gottes. Oder auch so: Wir nehmen Kontakt auf mit der Macht, aus der alles Leben kommt.

Ein Bild aus der Physik kann die Sache ein wenig anschaulich machen: Beim Beten lassen wir den inneren Akku aufladen. Der Akku ist ja selbst bei kräftigen, durch-trainierten jungen Männern manchmal leer. Das Beten lädt den Akku auf. Es stärkt unsere Lebenskraft, unsere Hoffnung und unseren Glauben an den Sinn allen Da-seins.

Noch ein anderes Bild: Im Laufe eines Tages, einer Woche sammelt sich viel Staub auf der Seele, der die Hoffnung und den Glauben zudeckt. Beten ist eine Art, die Seele zu entstauben, eine Art Reinemachen im Inneren. Es reinigt Kopf und Herz von dunklen, sorgenvollen Gedanken und lässt neue Hoffnung, neue Zuversicht aufkommen.

Was es schwer macht zu beten

Allerdings gibt es da ein Problem. Der Theologe und Schriftsteller Fulbert-Steffensky hat im Gespräch mit einer Kollegin seine persönlichen Erfahrungen aus-gebreitet. Auf die Frage, ob er selbst mit Gott redet, antwortet er: „Ja, ich versuche es. Es ist keine leichte Arbeit, denn es ist nicht einfach, mit einem zu reden, der schweigt. Wenn in einem Gespräch jemand eine Antwort verweigert, ist man in der Gefahr, sich selber wahrzunehmen, während man redet. Man kann natürlich in einem höheren theologischen Sinn sagen, dass Gott hört und antwortet. Aber zunächst merkt man davon nichts. In meiner unmittelbaren Erfahrung bin ich als Beter zunächst Solist. Ich allein rede, klage und wünsche.

Das Schweigen Gottes macht noch in einem tieferen Sinn das Beten schwer. Er schweigt zu den Kindern, die verhungern; zu den Frauen, die geschlagen werden; er schweigt zu den Kriegstreibern und Blutsaugern.
Und da kann man die alte Frage der Psalmen verstehen: Wo bist du, Gott? Warum schweigst du? Man schlägt ihm die Welt um die Ohren, und er schweigt. Beten ist auch der Einspruch gegen das Schweigen Gottes.“ (Junge Kirche 2/2009, S. 21)

Die meisten Menschen, vermute ich, machen ähnliche Erfahrungen mit dem Beten. Äußerlich sichtbar verändert sich nichts. Der Kranke, für den ich bete, bleibt krank. Der Frieden, um den wir gemeinsam bitten, stellt sich nicht ein. Die Welt wird nicht gerechter, auch wenn jeden Sonntag in vielen Gottesdiensten darum gebetet wird.

Der Rocksänger Wolfgang Niedecken von der Gruppe BAP hat ein Lied über das Beten geschrieben und gesungen: „Wenn et Bedde sich lohne däät“. Der Kehrvers lautet:
„Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl,
wat ich dann bedde däät.“
Niedecken singt, wofür er dann beten würde:
„Für all das, wo der Wurm drin,
für all das, was mich immer schon quält,
für all das, was sich wohl niemals ändert.
Klar - und auch für das, was mir gefällt.

Ich täte beten, was das Zeug hält,
ich täte beten auf Teufel komm raus.

Ich täte beten für Sand im Getriebe,
und jede Klofrau bekäme Riesenapplaus.
Überhaupt jede Unmenge Liebe
und dem Sysiphus nicht nur eine Pause.“

Gute Wünsche sind dem Wolfgang Niedecken eingefallen. Gott würde sich freuen über solche Gebete, denke ich. Aber der Sänger sagt seine Bitten im Konjunktiv. „Wenn ich wüsste, dass Beten sich lohnen tät“. Das ist das große Problem. Wir Menschen wissen es nicht. Gott ist keine gute Fee, der wir nur unsere Wünsche sagen müssen, und schon erfüllen sie sich. Das ist auch gut so. Denn oft haben wir Menschen ziemlich egoistische Wünsche. Da bekäme Gott ein Problem, wenn er die alle erfüllen wollte.

Wenn Fußballer auf den Platz laufen, bekreuzigen sich manche. Das ist ein Gebet ohne Worte: „Herr, steh mir bei und lass meine Mannschaft gewinnen“, so könnte man es deuten. Einer kann aber nur gewinnen. Um beiden gerecht zu werden, müsste Gott also für ein Unentschieden sorgen. Ob das Beten sich lohnt, das kann man nicht daran festmachen, dass sich tatsächlich erfüllt, was man erbeten hat. Ich glaube, das kann man am ehesten an sich selber spüren: ob sich im eigenen Inneren etwas verändert.

Warum das Beten sich doch lohnt

In einer Gruppe von Frauen sprachen wir über Kindergebete, mit denen Mütter sie in den Schlaf begleitet haben. Hängen geblieben ist vor allem der tiefere Sinn hinter all diesen Gebeten: Es ist einer da, an den ich mich wenden kann, der auf mich auf-passt, der seine Flügel schützend über mir ausbreitet und mich ruhig schlafen lässt. Die Kindergebete schaffen ein Bewusstsein dafür, dass es Gott gibt. Sie haben ein Grundvertrauen in diesen Gott angelegt. In späteren Jahren ist dieses Vertrauen viel-leicht manches Mal erschüttert worden durch Ereignisse, in denen man Gottes schüt-zende Anwesenheit schmerzlich vermisst hat. Aber das Vertrauen ist trotzdem nicht ganz verloren gegangen.

Also Beten lohnt sich in der Weise, dass es Menschen Halt gibt, ein Gefühl von Ge-borgenheit. Das spüre ich bei einem gemeinsamen Gebet, zum Beispiel am Grab. Der Verstorbene ist nun in der Erde, man kann nichts mehr für ihn tun. Davor stehen die Trauernden. In diesem Moment des Abschieds gibt es kaum Worte, die trösten können. Das Vaterunser, das dann gemeinsam gesprochen wird, lässt jede und jeden spüren: ´Du bist jetzt nicht allein. Da sind die anderen um dich, die jetzt mit dir oder für dich die altvertrauten Worte sprechen. Und da ist die große segnende Macht um dich, die jetzt alle gemeinsam im Gebet anrufen. Die hält dich und gibt dir Kraft, den Schmerz auszuhalten und das Schwere durchzustehen.`

Wie wir beten können

Manchmal sagen Menschen in aussichtslosen Situationen: „Da hilft nur noch beten.“ Aber sie wissen nicht, wie und was sie beten sollen. Offenbar hatten dieses Problem schon die Jünger Jesu, obwohl sie als gläubige Juden viele Gebete kannten. Trotzdem wenden sie sich an Jesus und bitten: „Herr, lehre uns beten.“
Und Jesus lehrt sie, so zu beten: „Vater, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme“. Wir haben es im Lukas-Evangelium mit einer kürzeren Fassung des uns vertrauten Gebetes zu tun. Vermutlich ist das Gebet am Anfang in verschiedenen Gemeinden unterschiedlich geprägt worden. Die kürzere Fassung des Lukas dürfte noch genauer wiedergeben, was Jesus tatsächlich gelehrt hat.
Die Anrede spiegelt wieder, wie nahe sich Jesus seinem Gott gefühlt hat. Die einfa-che Anrede „Vater“ ist der jüdischen Alltagssprache in Haus und Familie entnom-men. In der jüdischen Gebetstradition wurde Gott so nicht angesprochen, sondern mit Worten, die eine größere Ehrfurcht, aber auch eine größere Distanz zum Aus-druck brachten: Erhabener, Höchster, Herr der Heerscharen. Gott einfach „Vater“ zu nennen, das ist den Gläubigen nicht in den Sinn gekommen. Jesus zeigt mit dieser Anrede, wie nahe er sich Gott fühlt. Gott ist ihm so nahe, wie ein Vater seinen Kin-dern.

Der Evangelist Matthäus, dessen Fassung wir für unsere Gottesdienste übernommen haben, hat Gott schon wieder in weitere Ferne gerückt: „Unser Vater im Himmel“.
Jesus hat vermutlich einfach nur „Vater“ gesagt; denn er hatte eine innige Nähe zu Gott. Seinen Jüngern und Jüngerinnen gab er zu verstehen: So nahe wie mir will Gott auch euch sein. Ihr könnt euch in seiner Nähe aufgehoben und geborgen fühlen.
Das gleiche gilt für uns heute. Wir sind gehalten von einer guten Macht, die uns be-jaht und uns trägt in guten und bösen Tagen. So strömt schon das erste Wort des Gebets einen starken Trost und eine große Kraft aus.

Wer sich wirklich von Gott wie von einem liebenden Vater gehalten weiß, den kann eigentlich nichts umhauen. Der spürt in sich eine Kraft, mit der er oder sie Berge versetzen kann. „Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt.“ Solch eine Kraft hat Jesus aus der innigen Verbundenheit mit Gott gewonnen. Diese Kraft hat er weitergegeben an einen irdischen Vater, der sich Sorgen um sein krankes Kind machte.

Was Beten ändert

„Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme“. Das Beten bringt einen in die Spur Gottes. Seinen Namen heiligen, das tun wir, in dem wir Gott danken für alle seine Wohltaten und ihm die Ehre geben. Das tun wir auch dadurch, dass wir mit Ehrfurcht seine Geschöpfe behandeln, mit Respekt unseren Mitmenschen begegnen und mit der Bereitschaft, denen zu helfen, die Hilfe brauchen. Sein Reich, um dessen Kommen wir beten, helfen wir mit anzubahnen, indem wir uns einsetzen für friedliche und gerechte Verhältnisse auf der Erde. Denn Gottes Reich ist Schalom, ein Zustand, in dem alle genug zum Leben haben.

Was Gott mit unseren Gebeten macht, das sei ihm anheimgestellt, das haben wir nicht in der Hand. Er ist kein Automat, in den man eine Münze hineinwirft und dann kommt das Gewünschte heraus. Gott lässt sich von uns nicht benutzen. Es ist vielmehr umgekehrt. Das Gebet verändert zu allererst den, der betet, selbst. Er spürt einen Trost, einen Halt, eine Kraft. Und er fängt vielleicht an, im Sinne dessen, was er betet, selber etwas zu tun. Früher kannten viele Menschen den alten lateinischen Spruch „Ora et labora - bete und arbeite“. Beides gehört zusammen.

Wolfgang Niedecken, der seine Zweifel hat, ob Beten etwas nützt, ist im Sinne sei-nes Gebets selber tätig geworden. „Für all das, wo der Wurm drin, für all das, was mich immer schon quält“, betet er in seinem Lied. Seit 1988 engagiert er sich für Afrika. Als Botschafter des Zusammenschlusses von zwanzig Hilfsorganisationen „Gemeinsam für Afrika“ reiste er 2004 nach Uganda. „Die Situation der Kinder hat mich am meisten umgehauen", sagte er in einem Zeitungsinterview. Den Kindern ermöglichen, eine Schule zu besuchen, dafür setzt er sich ein.

Dorothee Sölle, die verstorbene Theologin, schreibt: „Beten heißt, große Wünsche haben. Die großen Wünsche nach Gerechtigkeit, nach einem Sieg über das Unrecht, nach Glück und Heil, nach einem menschenwürdigen Leben, die hat man nicht ein-fach so, die muss man lernen. Und man lernt sie, indem man sie ausspricht.“ Wer betet, nennt Ungerechtigkeiten und Missstände beim Namen und sagt: Mein Gott, das muss anders werden. (Nicht nur Ja und Amen, S. 53) Und da, wo man Einfluss und Möglichkeiten hat, wirkt man selber daran mit, dass sich etwas zum Besseren ändert.

Die Predigt wurde gehalten in der Evangelischen Kirche Duisburg-Wanheim
am Sonntag Rogate, 17. Mai 2009




Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht:
Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung.

Was tun wir, wenn wir beten

Was tun wir eigentlich, wenn wir beten? Wir breiten im Gebet unsere Erfahrungen vor Gott aus. Wir bringen vor Gott unseren Dank, unsere Klagen, unsere Bitten für uns selbst und für andere Menschen. Und wir schweigen und warten darauf, dass er zu uns spricht. Man könnte es auch so sagen: Wenn wir beten, stellen wir uns und andere Menschen und die ganze Welt ins Licht der Liebe Gottes. Oder auch so: Wir nehmen Kontakt auf mit der Macht, aus der alles Leben kommt.

Ein Bild aus der Physik kann die Sache ein wenig anschaulich machen: Beim Beten lassen wir den inneren Akku aufladen. Der Akku ist ja selbst bei kräftigen, durch-trainierten jungen Männern manchmal leer. Das Beten lädt den Akku auf. Es stärkt unsere Lebenskraft, unsere Hoffnung und unseren Glauben an den Sinn allen Da-seins.

Noch ein anderes Bild: Im Laufe eines Tages, einer Woche sammelt sich viel Staub auf der Seele, der die Hoffnung und den Glauben zudeckt. Beten ist eine Art, die Seele zu entstauben, eine Art Reinemachen im Inneren. Es reinigt Kopf und Herz von dunklen, sorgenvollen Gedanken und lässt neue Hoffnung, neue Zuversicht aufkommen.

Was es schwer macht zu beten

Allerdings gibt es da ein Problem. Der Theologe und Schriftsteller Fulbert-Steffensky hat im Gespräch mit einer Kollegin seine persönlichen Erfahrungen aus-gebreitet. Auf die Frage, ob er selbst mit Gott redet, antwortet er: „Ja, ich versuche es. Es ist keine leichte Arbeit, denn es ist nicht einfach, mit einem zu reden, der schweigt. Wenn in einem Gespräch jemand eine Antwort verweigert, ist man in der Gefahr, sich selber wahrzunehmen, während man redet. Man kann natürlich in einem höheren theologischen Sinn sagen, dass Gott hört und antwortet. Aber zunächst merkt man davon nichts. In meiner unmittelbaren Erfahrung bin ich als Beter zunächst Solist. Ich allein rede, klage und wünsche.

Das Schweigen Gottes macht noch in einem tieferen Sinn das Beten schwer. Er schweigt zu den Kindern, die verhungern; zu den Frauen, die geschlagen werden; er schweigt zu den Kriegstreibern und Blutsaugern.
Und da kann man die alte Frage der Psalmen verstehen: Wo bist du, Gott? Warum schweigst du? Man schlägt ihm die Welt um die Ohren, und er schweigt. Beten ist auch der Einspruch gegen das Schweigen Gottes.“ (Junge Kirche 2/2009, S. 21)

Die meisten Menschen, vermute ich, machen ähnliche Erfahrungen mit dem Beten. Äußerlich sichtbar verändert sich nichts. Der Kranke, für den ich bete, bleibt krank. Der Frieden, um den wir gemeinsam bitten, stellt sich nicht ein. Die Welt wird nicht gerechter, auch wenn jeden Sonntag in vielen Gottesdiensten darum gebetet wird.

Der Rocksänger Wolfgang Niedecken von der Gruppe BAP hat ein Lied über das Beten geschrieben und gesungen: „Wenn et Bedde sich lohne däät“. Der Kehrvers lautet:
„Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl,
wat ich dann bedde däät.“
Niedecken singt, wofür er dann beten würde:
„Für all das, wo der Wurm drin,
für all das, was mich immer schon quält,
für all das, was sich wohl niemals ändert.
Klar - und auch für das, was mir gefällt.

Ich täte beten, was das Zeug hält,
ich täte beten auf Teufel komm raus.

Ich täte beten für Sand im Getriebe,
und jede Klofrau bekäme Riesenapplaus.
Überhaupt jede Unmenge Liebe
und dem Sysiphus nicht nur eine Pause.“

Gute Wünsche sind dem Wolfgang Niedecken eingefallen. Gott würde sich freuen über solche Gebete, denke ich. Aber der Sänger sagt seine Bitten im Konjunktiv. „Wenn ich wüsste, dass Beten sich lohnen tät“. Das ist das große Problem. Wir Menschen wissen es nicht. Gott ist keine gute Fee, der wir nur unsere Wünsche sagen müssen, und schon erfüllen sie sich. Das ist auch gut so. Denn oft haben wir Menschen ziemlich egoistische Wünsche. Da bekäme Gott ein Problem, wenn er die alle erfüllen wollte.

Wenn Fußballer auf den Platz laufen, bekreuzigen sich manche. Das ist ein Gebet ohne Worte: „Herr, steh mir bei und lass meine Mannschaft gewinnen“, so könnte man es deuten. Einer kann aber nur gewinnen. Um beiden gerecht zu werden, müsste Gott also für ein Unentschieden sorgen. Ob das Beten sich lohnt, das kann man nicht daran festmachen, dass sich tatsächlich erfüllt, was man erbeten hat. Ich glaube, das kann man am ehesten an sich selber spüren: ob sich im eigenen Inneren etwas verändert.

Warum das Beten sich doch lohnt

In einer Gruppe von Frauen sprachen wir über Kindergebete, mit denen Mütter sie in den Schlaf begleitet haben. Hängen geblieben ist vor allem der tiefere Sinn hinter all diesen Gebeten: Es ist einer da, an den ich mich wenden kann, der auf mich auf-passt, der seine Flügel schützend über mir ausbreitet und mich ruhig schlafen lässt. Die Kindergebete schaffen ein Bewusstsein dafür, dass es Gott gibt. Sie haben ein Grundvertrauen in diesen Gott angelegt. In späteren Jahren ist dieses Vertrauen viel-leicht manches Mal erschüttert worden durch Ereignisse, in denen man Gottes schüt-zende Anwesenheit schmerzlich vermisst hat. Aber das Vertrauen ist trotzdem nicht ganz verloren gegangen.

Also Beten lohnt sich in der Weise, dass es Menschen Halt gibt, ein Gefühl von Ge-borgenheit. Das spüre ich bei einem gemeinsamen Gebet, zum Beispiel am Grab. Der Verstorbene ist nun in der Erde, man kann nichts mehr für ihn tun. Davor stehen die Trauernden. In diesem Moment des Abschieds gibt es kaum Worte, die trösten können. Das Vaterunser, das dann gemeinsam gesprochen wird, lässt jede und jeden spüren: ´Du bist jetzt nicht allein. Da sind die anderen um dich, die jetzt mit dir oder für dich die altvertrauten Worte sprechen. Und da ist die große segnende Macht um dich, die jetzt alle gemeinsam im Gebet anrufen. Die hält dich und gibt dir Kraft, den Schmerz auszuhalten und das Schwere durchzustehen.`

Wie wir beten können

Manchmal sagen Menschen in aussichtslosen Situationen: „Da hilft nur noch beten.“ Aber sie wissen nicht, wie und was sie beten sollen. Offenbar hatten dieses Problem schon die Jünger Jesu, obwohl sie als gläubige Juden viele Gebete kannten. Trotzdem wenden sie sich an Jesus und bitten: „Herr, lehre uns beten.“
Und Jesus lehrt sie, so zu beten: „Vater, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme“. Wir haben es im Lukas-Evangelium mit einer kürzeren Fassung des uns vertrauten Gebetes zu tun. Vermutlich ist das Gebet am Anfang in verschiedenen Gemeinden unterschiedlich geprägt worden. Die kürzere Fassung des Lukas dürfte noch genauer wiedergeben, was Jesus tatsächlich gelehrt hat.
Die Anrede spiegelt wieder, wie nahe sich Jesus seinem Gott gefühlt hat. Die einfa-che Anrede „Vater“ ist der jüdischen Alltagssprache in Haus und Familie entnom-men. In der jüdischen Gebetstradition wurde Gott so nicht angesprochen, sondern mit Worten, die eine größere Ehrfurcht, aber auch eine größere Distanz zum Aus-druck brachten: Erhabener, Höchster, Herr der Heerscharen. Gott einfach „Vater“ zu nennen, das ist den Gläubigen nicht in den Sinn gekommen. Jesus zeigt mit dieser Anrede, wie nahe er sich Gott fühlt. Gott ist ihm so nahe, wie ein Vater seinen Kin-dern.

Der Evangelist Matthäus, dessen Fassung wir für unsere Gottesdienste übernommen haben, hat Gott schon wieder in weitere Ferne gerückt: „Unser Vater im Himmel“.
Jesus hat vermutlich einfach nur „Vater“ gesagt; denn er hatte eine innige Nähe zu Gott. Seinen Jüngern und Jüngerinnen gab er zu verstehen: So nahe wie mir will Gott auch euch sein. Ihr könnt euch in seiner Nähe aufgehoben und geborgen fühlen.
Das gleiche gilt für uns heute. Wir sind gehalten von einer guten Macht, die uns be-jaht und uns trägt in guten und bösen Tagen. So strömt schon das erste Wort des Gebets einen starken Trost und eine große Kraft aus.

Wer sich wirklich von Gott wie von einem liebenden Vater gehalten weiß, den kann eigentlich nichts umhauen. Der spürt in sich eine Kraft, mit der er oder sie Berge versetzen kann. „Alle Dinge sind möglich dem, der glaubt.“ Solch eine Kraft hat Jesus aus der innigen Verbundenheit mit Gott gewonnen. Diese Kraft hat er weitergegeben an einen irdischen Vater, der sich Sorgen um sein krankes Kind machte.

Was Beten ändert

„Dein Name werde geheiligt, dein Reich komme“. Das Beten bringt einen in die Spur Gottes. Seinen Namen heiligen, das tun wir, in dem wir Gott danken für alle seine Wohltaten und ihm die Ehre geben. Das tun wir auch dadurch, dass wir mit Ehrfurcht seine Geschöpfe behandeln, mit Respekt unseren Mitmenschen begegnen und mit der Bereitschaft, denen zu helfen, die Hilfe brauchen. Sein Reich, um dessen Kommen wir beten, helfen wir mit anzubahnen, indem wir uns einsetzen für friedliche und gerechte Verhältnisse auf der Erde. Denn Gottes Reich ist Schalom, ein Zustand, in dem alle genug zum Leben haben.

Was Gott mit unseren Gebeten macht, das sei ihm anheimgestellt, das haben wir nicht in der Hand. Er ist kein Automat, in den man eine Münze hineinwirft und dann kommt das Gewünschte heraus. Gott lässt sich von uns nicht benutzen. Es ist vielmehr umgekehrt. Das Gebet verändert zu allererst den, der betet, selbst. Er spürt einen Trost, einen Halt, eine Kraft. Und er fängt vielleicht an, im Sinne dessen, was er betet, selber etwas zu tun. Früher kannten viele Menschen den alten lateinischen Spruch „Ora et labora - bete und arbeite“. Beides gehört zusammen.

Wolfgang Niedecken, der seine Zweifel hat, ob Beten etwas nützt, ist im Sinne sei-nes Gebets selber tätig geworden. „Für all das, wo der Wurm drin, für all das, was mich immer schon quält“, betet er in seinem Lied. Seit 1988 engagiert er sich für Afrika. Als Botschafter des Zusammenschlusses von zwanzig Hilfsorganisationen „Gemeinsam für Afrika“ reiste er 2004 nach Uganda. „Die Situation der Kinder hat mich am meisten umgehauen", sagte er in einem Zeitungsinterview. Den Kindern ermöglichen, eine Schule zu besuchen, dafür setzt er sich ein.

Dorothee Sölle, die verstorbene Theologin, schreibt: „Beten heißt, große Wünsche haben. Die großen Wünsche nach Gerechtigkeit, nach einem Sieg über das Unrecht, nach Glück und Heil, nach einem menschenwürdigen Leben, die hat man nicht ein-fach so, die muss man lernen. Und man lernt sie, indem man sie ausspricht.“ Wer betet, nennt Ungerechtigkeiten und Missstände beim Namen und sagt: Mein Gott, das muss anders werden. (Nicht nur Ja und Amen, S. 53) Und da, wo man Einfluss und Möglichkeiten hat, wirkt man selber daran mit, dass sich etwas zum Besseren ändert.

Die Predigt wurde gehalten in der Evangelischen Kirche Duisburg-Wanheim
am Sonntag Rogate, 17. Mai 2009


 Lk11v1ff - Rogate.doc
 Lk11v1ff - Rogate.doc


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